Studio 89

Das Original

"Das ist das einzige Radioprogramm mit Garantie. Es gibt keine heißere Show! Wenn es eine gäbe, würden wir unsere einstellen"(B.Graves)
John Lennon

JOHN LENNON, geboren am 9. Oktober 1940 in Liverpool, gestorben am 8. Dezember 1980 in New York

"Ich weiß, daß diese Stadt bestialisch ist", gab er gegenüber einem Reporter einmal zu. "Aber ich muß einfach in New York leben. Hier werde ich kreativ herausgefordert." JOHN LENNON. Ein Tod. Und es wird einem auf einmal bewußt, daß man noch weinen kann, daß der zynische Überlebenskampf in dieser Endzeitgesellschaft, zwischen Holocaust und dem möglichen atomaren Final Schlag, Gefühle nicht ganz abgewürgt hat Gefühle des Verlustes, der Treue, der Brüderlichkeit. JOHN LENNON war unser Bruder, weil er den beschwerlichen Weg vom Erwachen eines neuen jugendlichen Selbstwertgefühls durch das Todestal von Altamont bis zum Bewußtsein einer möglichen neuen kosmischen Gemeinschaft mit uns gegangen ist. Er hat seine Leiden nicht geheim gehalten, seine Wunden nicht versteckt, seine Irritation nicht glattgebügelt, er war wider - unbeherrscht, ungerecht. Aber er war stets ehrlich. Und: er hat sich niemals auf der falschen Seite engagiert. Als Musiker nicht und auch nicht als populäre Figur des öffentlichen Interesses. Seine Allianz mit Yoko Ono ist von enttäuschten Beatles Fans angefeindet worden, ihre musikalischen Experimente (die der Restaurierung ihres inneren Friedens und der Erweiterung ihres kreativen Horizonts dienten) wurden als "Ego zweier reicher Gammler" verspottet, ihr therapeutisch wertvoller Rückzug in ein hermetisch abgeriegeltes Privatleben mußte sich als "reaktionäre Flucht in ein hochherrschaftliches Spießbürgerdasein" abkanzeln lassen. Und dennoch: "wenn zwei das tun können, was wir mit unserem Leben tun, dann sind noch Wunder möglich", schrieben sie im Mai 1979 in einem ganzseitigen Brief der "New York Times".

Der Sohn eines Schiffsstewards aus dem Schlagschatten Milieu Liverpools wurde schon vor der Trennung von den Beatles und der eminent politischen Obersiedlung nach New York 1971 als "instinktiver Poet der Arbeiterklasse" gefeiert. So oberflächlich das ruhmreiche und tantiementrächtige Beatle Leben auch verlaufen sein mochte JOHN LENNON ließ sich nicht zu einem moralisch entfremdeten Parvenü degradieren, passte zu keiner Zeit in das Rasterbild des Neo Pop Kapitalisten. Sein Engagement mit Yoko Ono für die Emanzipationsbewegung der Frauen, gegen den Vietnamkrieg, für Bürgerrechte, soziale Fürsorge und die Unabhängigkeit Nordirlands mag bisweilen von taktischen beherrscht gewesen sein. Aber er machte doch stets vorbildlich deutlich, daß ein Rock Star mehr tun kann, als sein Geld und seine Energie im Erwerb von Riviera Villen, Rennautos und der Verfeuerung von hohen Party Etats zu vergeuden. Er blieb im Engagement ein Proletarier, wo andere Emporkömmlinge im Grunde ihres Wesens längst zu Proleten verkrüppelt waren, wo Superstar Arroganz, schamloser Narzißmus und zynischer Mißbrauch der Massensuggestion als schick dekadentes Outlaw Image verkauft wurden.

LENNON hat sich nie verkauft und hat dennoch an seinem ehrlichen Reichtum gelitten. Schuldkomplexe über seinen schwindelerregenden Ruhm, Angst um die Bewahrung seiner künstlerischen Potenz und die Furcht vor einem Altwerden ohne akzeptablen Lebensinhalt trieben ihn in Drogenexperimente, halbgare Albumproduktionen und eine vorübergehende, überhastete Trennung von seiner Lebensgefährtin. Der intellektuelle Kopf der Beatles, der im Spannungsfeld des Quartetts die Melo und Kommerzorientiertheit seines Co Autors Paul McCartney mit scharfem Witz und cleverer Formulierungsgabe zu zügeln wußte, schien hingegen als Solist ein Blatt im Wind zu sein, jemand der sich vom Happening treiben ließ. „Give Peace A Chance, „Happy Xmas (War Is Over), „Woman Is The Nigger Of The World, „Power To The People Kollisionskurs mit den Autoritäten, plakatives Statement zum Aufrütteln der Gleichgültigen, das verzweifelte Bemühen, sich als bewußt und seine Meinung als relevant zu definieren. Und dagegen sanfte Aussteiger Ballade "Imagine", das unvergleichliche Liebeslied "Oh Yoko", der bittere und dennoch Hoffnung machende Klassen Song "Working Class Hero und die peinigende Intensität von "Mother": ein Künstler legt seine Seele bloß, zieht die neuen Kleider des Pop Kaisers aus und sucht die Reinigung im Fegefeuer der öffentlichen Selbstverbrennung.

LENNON war am Ende, als er 1974 zu Yoko zurückkehrte. Sie half ihm geduldig, sein Selbstbewusstsein aufzurichten, seine stereotypen Vorurteile von einer Mann/Frau-Beziehung abzubauen und ein Leben jenseits von Star- Streß und Platin Erfolg in Erwägung zu ziehen. Die Rekonvaleszenz glückte. LENNON zog sich in die Stille zurück "die Stille der Liebe und nicht der Gleichgültigkeit", wie er und Yoko die Welt in ihrem aufsehenerregenden Brief an die "Times" im vorigen Jahr wissen ließen. Als JOHN LENNON im Herbst dieses Jahres ein Comeback ohne Ehrgeiz probierte, schien er frei von den Alpträumen seiner Aufstiegsjahre, bereit, die Zügellosigkeiten der Vergangenheit kritisch zu bewerten. Ein reifer Mensch, eine positive Frau, ein harmonisches Paar. Welch ein Vorbild in dieser von Aggression und Dekadenz zerfressenen Zeit. "Double Fantasy" auf dem neuen Geffen Label war ihr Szenen Spiel einer Ehe, die alle Prüfungen hinter sich hat und nun jede Belastung aushalten kann. Es war ein simples, beinahe stilles Album, frei von selbstgerechter Weltblindheit, ohne jede plüschige Winkel Bürgerlichkeit. Ein Album der Kontinuität die Erinnerung an schlichten, harmonischen, nicht selten kindhaften Beatles Stil schlug eine Brücke zu sachtem New Wave Verständnis. Eine Produktion, die sich nicht in modischer Anpassung verrenkte, aber auch nicht die Tür zu Experimenten zuschlug.

Das war "Lennon" Musik, radikal in ihrer Individualität, revolutionär in ihrer unverdrossen pazifistischen Attitüde. Und dann kommt einfach jemand daher und lebt auf mörderische Weise seine inneren Verstörungen aus. Was nutzen einem Wut, Verzweiflung, Haß? Der gewaltsame Tod erscheint so widersinnig. Und wir stellen auf einmal fest: hätte es jemand anderen getroffen wir hätten getrauert, aber nicht geweint. Er war eben ein Halt, er war ein Fixpunkt, er hatte in unserem Leben einen Stellenwert, selbst wenn er vorübergehend unserer Aufmerksamkeit entglitten war. Wir meinten, wir hätten ihn und seine Kunst nicht mehr nötig und sind doch jetzt ärmer geworden. Er war das Symbol aus einer Zeit, als wir noch glauben konnten, als Ideale noch etwas galten, als Hoffnungen nicht unpraktisch erschienen. Er wollte im 41. Lebensjahr wieder einen neuen Anfang machen, und wir waren bereit, ihn auch in die achtziger Jahre zu begleiten. Ein neues LENNON Album das war eben mehr als ein x beliebiges Superstar Produkt, eine neue Tour vielleicht, Fernsehen, Interviews drehte sich das Rad der Zeit noch einmal zurück? Gab es eine Versöhnung mit der Vergangenheit, die nach vorn wirken konnte? Es hat nicht sollen sein. Ich finde keine Worte mehr. Der Schmerz wird noch lange anhalten. Barry Graves

Quelle: Manuskript aus dem persönlichen Ordner Uwe Wohlmachers
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