Studio 89

Das Original

"Das ist das einzige Radioprogramm mit Garantie. Es gibt keine heißere Show! Wenn es eine gäbe, würden wir unsere einstellen"(B.Graves)
Lou Reed

in der Eissporthalle

Schöne, böse Nachtkatzenmusik

von Barry Graves

Die eiserne Liebe einiger Fans zeigt Rostflecken: "Im Vergleich zum letzten mal ist die Luft raus; kein Wunder, so stoned wie der ist". Das ewige Rock'n' Roll - Missverständnis: wer was zum "rumhotten" braucht, sollte zu Rudolf Rock und den Schockern gehen. Vielleicht wärmten Lou Reeds Songs diesmal in der leidlich besuchten Eissporthalle nicht sonderlich. Da war zuviel von zersplitterten Erinnerungen die Rede, von gefühllos verschmähter Liebe, von Wohlgefallen an der Tristesse im Abseits. Aber Lou Reed war doch nie jemand, der sich die Lippen nach den fetten Schinken der Wohlbürgerlichkeit geleckt hat. Er delektierte sich lieber an den Nachtschattengewächsen, die auf der Ausflippseite der City wachsen, weil deren Genuss ihm möglicherweise hemmungslose Freiheit bescheren konnte.

Seit den Tagen der Velvet Underground hat Lou Reed mit Intensität eines Trüffelschweins nach dem atemverschlagend Lasziven, schick Verderbten, grandios Ruchlosen gewühlt. Ein Blättern in seinen Songbüchern bedeutet für uns Teilhabe an einer verbotenen Welt, die wir nur im Untergrund unserer heimlichen Träume und uneingestandenen Ängste wahrnehmen möchten. Und er war sich nie zu schade für eine chaotische Bühnenshow. Denn ein Künstler, der ohnehin in seinen Liedern die letzten Tabus lädiert, braucht sich vor seinem Publikum nicht zu verstecken, wenn ihm nach Exitus zumute ist oder er vor Euphorie die Knaben in den ersten drei Reihen anfallen möchte.

Am Freitagabend in Berlin zerrte Reed sein Repertoire, das obskure Stücke zuungunsten der gängigen Hits favorisierte, im hypnotisierenden Zeitlupenspiel breit, verschleppte scheinbar endlos Liedanfänge und ließ seine Gitarre mindestens genauso gnadenlos destruktiv heulen wie in den ungenierten Tagen der Velvet Underground. Das war die Nachtkatzenmusik der Raubtier-City New York, angenehm böse, ein schöner Alptraum; das war nicht Kinderschreck à la Kiss oder Alice Cooper. Diese Musik setzte auch in den kaum hörbaren Passagen zum Sprung an und war in den Crescendi bereit, alles über Bord gehen zu lassen. Kein Wunder, daß Reed und seinen Leuten aus dem Saal Hemmungslosigkeit entgegenschlug und er mit dem Abbruch des Konzertes drohte. Die Gefahr einer Pandorabüchse der schrillen Off-Klänge sicher im Griff. Aber das sollte niemand mit "schlaff" verwechseln.

Quelle: "Der Tagesspiegel" 01. April 1979 Autor: Barry Graves
Lou Reed starb am 27.10.2013 nach einer Lebertransplantation, von der er sich nicht mehr erholte.
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