Studio 89

Das Original

"Das ist das einzige Radioprogramm mit Garantie. Es gibt keine heißere Show! Wenn es eine gäbe, würden wir unsere einstellen"(B.Graves)
JIMI HENDRIX - Das Idol
27.November 1942-18.September 1970

Inhalt:

  1. Gedanken über Jimi Hendrix von Thomas Otto im "Neues Leben" von 1985
  2. Menschen, Dramen, Lebenswege - Biografie Jimi Hendrix von Joachim Köhler im "Stern" Nr. 3/2005
  3. Special Story - Jimi Hendrix- Das geschundene Genie von Wolfgang Bauduin im "Musik Express" Nr.273 vom Oktober 1978

James Marshall,

Jimi Hendrix wurde am 27.Nov.1942 in Seattle geboren. Er war schon frühzeitig vom Blues fasziniert und als er zum Geburtstag eine Gitarre geschenkt bekam, gab es kein Halten mehr. Er imitierte Muddy Waters, Howlin' Wolf und Chuck Berry und "liebte seine Gitarre dabei mit der Leidenschaft und dem Einfallsreichtum eines Casanovas." (Newsweek)Anfangs tingelte er bei den Isley Brothers, B.B.King, Little Richard und Ike & Tina Turner und verdiente sich ein paar Cent als Aushilfsmusikant in der letzten Reihe. „Sachen habe ich da erlebt, das glaubst du gar nicht. Musiker wurden gefeuert, weil sie im Bus zum nächsten Auftritt zu laut gequatscht hatten oder weil ihnen der Boss der Gruppe noch zu viel Geld schuldete.“ Hendrix konnte keine Noten lesen aber seine virtuose Gitarrentechnik ließ die Konkurrenz bald wie Stümper erscheinen. Er berichtete musikalisch von Expeditionen in die Zukunft, ließ akustisch fliegende Untertassen landen und zerschmetterte und zerfetzte sogar das US-Heiligtum, die Nationalhymne. 1966 von Chas Chandler (Animals) "entdeckt", hatte er seine ersten größeren eigenen Auftritte 1967 u.a. im Hamburger Star Club (die Beatles sind von dort aus bereits gestartet) und beim Monterey Pop Festival. Von da an versetzte er Fans und Kritiker gleichermaßen in Erstaunen. Richie Havens ist fassungslos: "Da steht dieser Typ auf der Bühne und beißt in seine Gitarre." Die Verstärkeranlage war so geräuschempfindlich, dass seine Geliebte vom Typ Fender "Stratocaster" schon losging, wenn er nur die Finger an ihren Hals legte. Er trampelt auf seiner Gitarre herum, liebkost sie wenig später oder brannte sie an. Seine Shows wurden bald zum Markenzeichen. Hendrix selbst war schüchtern und voller Gefühle. Er wollte meist keine brutale Show. "Ich bin es leid, den Clown zu spielen, ich will kein Rock'n Roll Star sein." Ohne diese Shows, ohne dieses Image, bis du ein Nichts, bedeutet im sein Management. Und dieses nahm in oft aus wie eine Weihnachtsgans. Eh er es merkte und sich lösen konnte, war es bereits zu spät für ihn.1968 bereits verglich die New York Times den Superstar Hendrix mit großen klassischen Virtuosen. "Ich steh auf Strauss und Wagner. Die Jungs waren echt Klasse, und meine Musik wird an die von denen anknüpfen." 1969 ein weiterer Meilenstein nicht nur für Hendrix, auch für die Rock Geschichte: Woodstock. 300 000 Leute erlebten mit, wie Hendrix die US-Nationalhymne zerstückelte und damit den amerikanischen Way of Life demontierte. Nach dem ständigen Wechsel der Begleitbands (Experience, Cry of Love und Band of Gypsies), übermäßigen Alkohol und Drogengenuss sowie einem maßlosen Lebenswandel, ging es bergab. Der "schwarze Elvis Presley" kassierte bis zu 100 000 Dollar pro Gig, konnte das Superstardasein nur schwer verkraften.

Das Ende: Am 18.September 1970 starb Hendrix nach der Einnahme von Schlaftabletten in Verbindung mit Alkohol an seinem erbrochenen. Herbeigeführt durch falschen Transport im Krankenwagen. Seither tobt der Streit ums Erbe bis heute.

Quellen: "Das neue Rocklexikon" Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos Feature "Mary schrie der Wind" von Olaf Leitner (RIAS Berlin 1980) Stern 3/2005 "Biografie-Menschen Dramen Lebenswege": Jimi Hendrix

"...wenn du erst mal tot bist, hast du dein Lebtag lang ausgesorgt"

Ich brauch' Hilfe, Man
1. Anlässlich des 15.Todestages von Jimi Hendrix (Magazin "Neues Leben" 1985)

Ich weiß nicht, ob du das kennst - irgendwas springt dich an und läßt dich nicht mehr los. Du trägst es mit dir 'rum , beschäftigst dich damit, tagelang, wochenlang, und irgendwann ist es ein Teil von dir geworden. So geht's mir mit verschiedenen Sachen, mit deiner Musik zum Beispiel. Ehrlich, du bist 'ne Entdeckung für mich. Als ich dich das erste Mal auf 'm Foto sehe, denk' ich, die hätten das Negativ seitenverkehrt abgelichtet; wegen der Gitarre, die war irgendwie falsch 'rum.

Ich geh' mit dem Bild zu 'nem Kumpel. Hier, guck mal; muß das so sein? Der guckt drauf und sagt bloß: »Ach so, Jimi...“Was für'n Jimi, frag' ich. »Sag bloß, du kennst Jimi Hendrix nicht!?« Er legt mir 'n Band auf, und ich hör' zum ersten Mal »He Joe«, »The wind cries Mary«, »Stone free« und »Purple haze«. Und irgendwie ist das totales Neuland für mich. Kein einfacher Blues, kein purer Rock 'n' Roll -'n ziemliches Durcheinander. Mann, denk' ich, das grenzt ja an Streß, wirkt alles irgendwie holprig. Und erst die Gitarre mit Verzerrer, mit Rückkopplung, so 'n Ding zwischen 'ner Kreissäge und 'nem Cello. Aber es läßt mich nicht mehr los. Ich spul' das Band zurück und hör's mir nochmal an und nochmal, denn das hier ist anders, als wenn da irgendwer irgend 'n Lied runterspielt.

Diese Musik hier hat Seele, Gesicht, und dazu gehört nun so 'n komischer Name: James Marshall Hendrix. Bin sehr gespannt, mehr von dir zu hören! Ich hab" inzwischen 'ne ganze Menge über dich erfahren - Mann, mit dir würd' ich gern mal 'ne Weile quatschen. Einfach deshalb, um ein bisschen mehr mitzukriegen, als daß du am 7. November 1942 in Seattle (USA) geboren wurdest und unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bist. Du hast mal gesagt, daß du leben wolltest »ohne Angst, eins in die Fresse zu kriegen, weil du in einem verdammten weißen Restaurant ein verdammtes weißes Steak bestellst«. Wie lebt man jetzt mit solchen Erinnerungen? Wo sie dir sogar 'n Marzipanschwein auf dein Steak stellen würden, wenn du's verlangen würdest? Oder in deiner Zeit als Begleitmusiker von Little Richard, Wilson Pickett, B.B.King und Curtis Knight. Später dann, als John Hammond dich in 'nem Klub in Greenwich Village engagiert hat, in den sogar die Stones und Bob Dylan kamen, um dich zu hören - vergißt man da, wo man herkommt? Oder als Chas Chandler dich 1966 nach London holte.

Wie war dir zumute, als er mit Noel Redding und Mitch Mitchell anrückte, so nach dem Motto: Hier, das ist jetzt deine Band! Du heißt jetzt nicht mehr James Marshall, sondern Jimi Hendrix. Und jetzt mach' den Druck, den sie alle brauchen! - Hast du gewußt, worauf du dich einläßt? - Star sein, Medienrummmel und das alles. Hat sich dann im Laufe der Zeit für dich so was wie Routine eingestellt? Könntest du dir vorstellen, jetzt noch mal von vorn anzufangen? Und wenn, würdest du irgendwas anders machen? -Weißt du, Jimi, mir geht da 'ne Sache durch den Kopf. Ständig versuchen so 'n paar Leute um dich herum zu verbreiten, daß du ja »gar kein politischer Künstler« wärst, daß du »eine politische Rolle stets abgelehnt hättest«. Da Ist doch was faul. Sicher, mir fällt auf Anhieb auch kein Text von dir ein, mit 'nem ausgesprochen deutlichen politischen Inhalt. Aber ich denk' mir, dass diese Leute verdammt gut wissen, dass deine Musik von innen kommt, und allzu rosig kann's schließlich nicht aussehen in einem, der im Ghetto gelebt hat; mit Ratten aufm Zimmer und ständigem Knast. Soll man das unpolitisch nennen, wenn einer wie du auf black power und Martin Luther King steht und dem gutsituierten amerikanischen Durchschnittsbürger den Glauben an seine heilige Hymne auf offener Bühne zerfetzt?

Was macht man mit einem, der nicht zu übersehen und noch weniger zu überhören ist, der inzwischen für viele einfache Leute, Farbige wie Weiße, zum Idol geworden ist, dem alle zuhören, wenn er was sagt? Zum Beispiel zu Rassenhaß, Krieg und Unrecht? Jimi, diese Leute sind clever, und ihr Rezept ist so alt wie ihr Job: Scheinheilig tun sie sich mit dir »zusammen«, suchen was an dir, was sich ganz gut vermarkten läßt, ohne Porzellan zu zerschlagen. Sie verpassen dir ganz locker 'n Image: Kaffeebraunes Musikgenie mit Struwwelpeterkopf und Voodookettchen, exzentrischer Rockstar, der in Sex- und Drogenskandale verwickelt ist. Der Freak, der seine Gitarre mit den Zähnen bearbeitet. Klar werden sie jedem erzählen, daß du Traumgagen einsteckst für jeden Gig.

Und wenn sie dann ab und an mal aus der Schule plaudern, daß es dir dreckig geht, wenn du nachts in den Hotels absteigst, daß du ausgepowert bist, dich elend fühlst nach jedem Trip, dann nur, um dich interessanter zu machen. Von deiner Musik kapiern die nur so viel, dass man 'ne ganze Menge Kapital draus schlagen kann. Hier noch 'ne Tournee, da noch 'n Vertrag. Und sie werden nicht locker lassen, dich dahin zu bringen, daß du eines Tages gegen dich selbst spielst. Jimi, wie lange hältst du das noch durch? Der ganze Streß, und der Dreck mit den Drogen. Du machst dich kaputt, nein, wirst kaputt gemacht. Wirst du jemals aus diesem Teufelskreis wieder rauskommen? Ach Jimi! Was mögen die Krankenfahrer gedacht haben, die dich heute vormittag im Londoner St. Mary Abott's Hospital eingeliefert haben? Ob die wußten, wer da hinter ihnen auf der Bahre stirbt? Ob sie wohl ahnten, dass sie nur noch 'n Haufen zerbrochner Träume mit Blaulicht durch die Stadt kutschieren? Wie mag wohl den Typen der Yameta Holding Company zumute gewesen sein, die durch dich Millionenumsätze gemacht haben? Schluß, aus, vorbei. Aber ich bin sicher, die machen auch nach diesem Tode ihr Geschäft mit dir. Immer wieder werden sie irgendwas aufstöbern, was sich in fette Dollar umschlagen läßt, irgend 'n Lied, oder 'n Spruch, den du mal gemacht hast; vielleicht auch nur 'ne Locke oder 'n T-Shirt. Die gehen davon aus, dass noch 'ne Menge Leute sich für dich interessieren werden. Mann, und das sind genau die, die du jetzt alleingelassen hast. Die, die dir Woodstock 1969 nicht vergessen werden, für die du mit deiner »Star Spangled Banner«-Version zumindest klargestellt hast, was die Amerikaner in Vietnam zu suchen haben, nämlich 'n Scheiß! Du, Janis Joplin, Brian Jones oder Jim Morrison - ihr seid da in 'ne Zeit geraten, wo gerade viele junge Leute 'n Haufen Fragen hatten, zum Sinn des Lebens, zu Krieg und Frieden, zur Liebe.

Ja, und von euch, ihren Idolen, wollten sie 'n Tip, 'ne einfache Antwort, weil sie merkten, daß ihr euch irgendwo mit ähnlichen Dingen rumschlagt. Klar, ihr habt oben auf der Bühne gestanden, mit 'ner Band im Rücken. Und wenn man die Bilder sieht, James Marshall Hendrix - du warst gut drauf, immer. Und die Leute haben's gefühlt: Sieht so aus, als ob der uns versteht. Ihr Leben und deins, ihre Gefühle und deine hast du durch die Klampfe in die Boxen geblasen, daß ihnen heiß wurde, wenn sie's gehört haben. Und jetzt liegst du da, kaputtgespielt, einfach tot. Und die, die mal an deinem Image rumgebastelt haben, werden nicht aufhören, auch jetzt noch 'ne rührende Legende über dich zusammenzustricken. »M. J. Hendrix, 1942-1970, Forever in our hearts«, oder so ähnlich.

Das soll's gewesen sein? Wär' schlimm, wenn's so wär'. Aber da ist noch deine Musik. Wart mal, ich dreh' 'n bisschen lauter...

Von Thomas Otto „Neues Leben“ 1985

2. Menschen, Dramen, Lebenswege - Biografie Jimi Hendrix

Vor ein paar Monaten, in einem Apartment im New Yorker Greenwich Village, erzählte ein Mann mit langem, ergrautem Haar von einem Traum: Eine purpurrote Flamme sei vom Himmel herabgeschossen und habe ihm die Gestalt seines Bruders enthüllt, über ihm schwebend: „Ich konnte Jimi da oben sehen, wie er winkte und rief: ,Los, kleiner Bruder. Es ist Zeit für dich, du bist so weit."' Seitdem fühlt sich Leon Hendrix, 56, von höchster Stelle autorisiert, das Erbe des berühmten Bruders anzutreten. Leider kam er damit vor Gericht in Seattle nicht durch. Im juristischen Streit mit seiner Stiefschwester Janie um das Erbe von Jimi Hendrix wurde ihm der erhoffte Anteil am 80-Millionen-Dollar-Vermögen verweigert. Vater Hendrix hatte es so bestimmt, und Jimi selbst kein Testament hinterlassen. Dabei steht Leon, der mit Songs wie Jimi And Me" durch die Clubs tingelt, in bester Tradition.

Als Jimi Hendrix auf dem Höhepunkt seiner Karriere starb, war er der bestbezahlte Rockstar der Welt. Er bekam jede Gage, die er forderte. Das heißt, er bekam sie nicht. Die Millionen, die er verdiente, verschwanden im Bermudadreieck einer Bank auf den Bahamas. Hendrix ignorierte es. Seine bunten Hosen hatten keine Taschen. „Der Gott der Moderne", sagte er verächtlich, „ist der Dollar." Sein Gott war die Musik: „Das ist mein Leben, das ist meine Religion."

Wie ein Schamane wollte er mit seiner „Electric Church" die Menschen unter Strom setzen, sie in seine tönende Gegenwelt eintauchen lassen. Jimi Hendrix träumte von einem in Regenbogenfarben leuchtenden Universum, errichtet mit seiner Klangkunst, ungefähr so „wie die Griechen sich ihre Götterwelt schufen". Der Sound seiner Musik, erklärte er einmal einem Journalisten, solle „den Leuten direkt in die Seele klingen, verstehste, um irgendwas in ihnen aufzuwecken. Es gibt nämlich so viele Menschen, die schlafen." Und mit seiner Gitarre wollte er sie aufwecken, den Blitz zünden, bei dem jedem ein Licht aufgeht, samt finalem Liebesfeuer - der öffentlichen Verbrennung seiner „Stratocaster". Es hat offenbar funktioniert, denn: „Wenn Jimi spielte, schien es, als würde er auf der Bühne das Licht erschaffen." So beschrieb „Who"- Gründer Pete Townshend den Auftritt des Mannes mit den vielen Beinamen: Gitarrengott, Fabelmonster, Hexenmeister, wild man of rock. Jahrhundertinstrumentalist, Übervater der Gitarristen...

Noch heute, 35 Jahre nach seinem Tod, werden jährlich gut zwei Millionen Jimi-Hendrix-CDs verkauft, seit Beginn des neuen Jahrtausends sind das zehn Millionen. Nur ein kleiner Teil davon wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, und auch diese waren nur zum Teil von ihm autorisiert. Da jedes seiner Konzerte mitgeschnitten wurde, florierte schon bald ein riesiger Markt mit „Bootleg"-Aufnahmen. Als Perfektionist ärgerte er sich über diese Art der Piraterie, die nach seinem Tod gigantische Ausmaße annahm: Da er bei jeder seiner zahllosen Jam-Sessions Bänder mitlaufen hatte, fanden seine Plattengesellschaften kilometerweise unbekanntes Material, das sie Jahr für Jahr, bis heute, scheibchenweise veröffentlichten. Man hatte ihn ausgequetscht wie eine Zitrone, und als er es bemerkte, zog er sich zurück:

Ich bin es leid, den Clown zu spielen", sagte er, „ich will kein Rock'n'Roll-Star mehr sein." Nach drei Jahren Weltruhms war er es einfach müde geworden - und konnte doch nicht einschlafen in jener Nacht in einem Zimmer des Londoner Samarkand-Hotels. Da leerte Jimi Hendrix in den frühen Morgenstunden des 18. September 1970 ein Röhrchen mit neun Schlaftabletten. Und wachte nie wieder auf. 27 Jahre, neun Monate und 21 Tage zuvor wurde er im King County Hospital in Seattle, Washington, als John Allen Hendrix geboren, erstes Kind von James Allen „Al", 22, ehemals Jazztänzer, jetzt Landschaftsgärtner, und Lucille Hendrix, 17 Jahre alt, Kellnerin. Es ist kein besonders guter Start ins Leben: Sein Vater beim Militär und keine Chance auf Heimaturlaub, auch nicht am 27. November 1942, zur Geburt seines Sohnes. Seine Mutter eine flippige Schöne mit viel Sinn fürs Feiern und wenig für die Bedürfnisse eines Babys. Little John wird herumgereicht von allerlei Bekannten zu allerlei Tanten, von Großmutter zu Großmutter. Am unvergesslichsten sollte ihm die Mutter seines Dads werden. Grandma Nora Rose, die in einem Reservat im kanadischen Vancouver lebte und die Enkelin einer Cherokee-Indianerin war: „Sie hat mir wunderschöne indianische Geschichten erzählt", erinnert er sich später, und sie habe ihm Indianerkleider genäht, zum Beispiel eine Jacke mit Fransen. „Das war 'ne echt gute Jacke, und ich habe sie jeden Tag zur Schule angezogen, egal, was die Leute womöglich gedacht haben." Auf einem Jugendfoto trägt Nora Rose, die in ihrer Jugend als Varietetänzerin („Gypsy") durch die Staaten vagabundiert war, einen Hut mit langer Feder, der später zum Markenzeichen ihres Enkels wird. Sie lächelt entwaffnend und spöttisch, wie er. Eine schillernde Frau, die, hundertjährig, den berühmten Enkel um fast 15 Jahre überleben sollte. Die zweite Frau, die seine Kindheit prägt, ist Lucille. Als 17-Jährige hat sie ihn geboren - und stirbt an einem Milzriss, da ist er selbst 15. Auf Fotos erinnert sie an Gauguins Südseeschönheiten.

Jedenfalls: Als Vater Al vom Militär heimkehrt, muss er zuerst einmal den neuen Lover von Lucille aus dem Feld schlagen, dann seinen Sohn bei Pflegeeltern in Kalifornien abholen. James Allen Hendrix gibt seinem Erstgeborenen einen neuen Vornamen - James Marshall - und zeugt mit Lucille einen weiteren Sohn, Leon Morris, und zwei Töchter, Cathy Ira und Pamela Marguerite. Es hilft nicht viel.

Die Hendrix-Ehe ist ein Desaster, die Kräche der beiden pure Höllenfeuer. Jimi Hendrix wird sie später in seinem Song „Castles Made Of Sand" verewigen: „...Er stemmt sich in die Tür, er macht eine Szene. Seine Tränen verbrennen das Gartengrün ..." Das Leben als zerfallende Sandburg. 1951 werden AI und Lucille Hendrix geschieden, die Töchter und ein Sohn zur Adoption freigegeben, Jimi und Leon bleiben beim Vater, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, der überfordert ist und streng, aber auf Regeln achtet und gelegentlich auch Sinn beweist für kindliche Bedürfnisse. Jimi schleppt dauernd streunende Tiere an, Katzen und Köter, bis ihm Al schließlich erlaubt, einen der Hunde zu behalten. Jimi später: „Das war dann der hässlichste von allen. Er hieß eigentlich Prince Hendrix, aber wir nannten ihn einfach Hund." Lucille schaut immer mal wieder bei ihren Kindern vorbei, meist unangemeldet, meist betrunken. „Ein paar Tage überschüttete sie uns mit Liebe", erinnert sich Jimi später, „dann blieb sie wieder für Monate verschwunden." Der Sohn, ohnehin ein schüchternes, verschlossenes Kind, beginnt zu stottern. In einem seiner Träume sieht er Lucille „auf einem Kamel sitzen, mitten in einer Karawane, die langsam weiterzog". Als sie vor seinen Blicken unter Palmen verschwindet, deren Blätter ein Schattenmuster auf ihr Gesicht werfen, ruft sie ihm zu: „Wir werden uns jetzt wohl nicht mehr oft sehen." Mehrmals wird Lucille von Männern zusammengeschlagen und landet im Krankenhaus, wo Jimi sie besucht.

Zwei Jahre darauf ist sie tot. Zu der Zeit hat sich Jimi längst der Musik verschrieben. Muddy Waters, Howlin' Wolf, Chuck Berry - das war, neben allem Zoff, die Hausmusik bei den Hendrix. Das sind die Klänge, mit denen der junge Jimi aufwächst und an denen er sich schon mit seiner ersten Ukelele versucht. Es gelingt nicht: „Ich hab nicht gewusst, dass ich als Linkshänder die Saiten andersrum aufziehen musste, aber ich hab gemerkt, dass da was faul ist." Später schenkt ihm Vater Al - „...er dürfte danach lange Zeit blank gewesen sein" - seine erste E-Gitarre, eine Supro Ozark. Jimi kennt jetzt den Trick mit den Saiten und hat seine eigene Spieltechnik entwickelt. Schule ist für ihn längst eine lästige Nebenbeschäftigung, eigentlich geht er nur noch hin, weil er in der High School Band „The Rocking Kings" als Bassist mitspielt. Kurz vor seinem 18. Geburtstag geht er ab, ohne Abschluss, und im Frühjahr darauf als Freiwilliger zur Armee. In seiner Ballade vom „Voodoo Chile" wird er später beschreiben, wie er nach dem Tod der Mutter, den die „Gypsy" prophezeit hatte, von einem „Adler über die Grenzen der Unendlichkeit hinweggetragen" wird. Einen Vorgeschmack auf den großen Absprung bekommt er bei seiner Ausbildung zum Fallschirmjäger. Jimi Hendrix ist Rekrut Nummer RA 19693532 bei den „Screaming Eagles" der 101. Luftlandedivision. Und er muss springen: „Du denkst noch: ,Was zum Teufel mache ich hier?', und schon bist du an der Türe angekommen, wo man nur ein dumpfes Brausen hört. Dann das Gefühl, als kippte man nach hinten um, wie im Traum. Sobald man draußen ist, hört man nur noch den Wind, schschschschschsch... Du bist ganz für dich allein, kannst flüstern oder brüllen, keiner hört dich."

Jahre später kehrt die Geräuschsymphonie auf seiner Platte „Electric Ladyland" wieder, der Sturm in den Ohren und die gespenstische Stille, sobald sich der Schirm geöffnet hat. Dann schwebt Jimi, das Voodoo-Kind, zwischen der kleinen Erde unter ihm und dem unendlichen Weltall über ihm, und begrüßt Sonne und Planeten.

Ein Jahr ist er in Fort Campbell, Kentucky, da bleibt er mit dem Fuß in einem Fanghaken hängen und bricht sich den Knöchel. Ihm kommt das gelegen, es erspart ihm den Einsatz in Vietnam. Befreit von den Strapazen des Drills, aber auch den Segnungen des Kantinenessens, findet Jimi sich ohne Beruf und Zuhause wieder, doch immerhin, es bleibt ihm seine Gitarre. In der Country-Metropole Nashville bekommt er 1962 ein Engagement im „Del Morocco"-Club, was allerdings nicht bedeutet, dass er satt zu essen hat. Da man ihn regelmäßig um sein Honorar betrügt, schläft er unter freiem Himmel oder im Rohbau eines Häuserblocks, dem noch Dach und Fußboden fehlen. Wenn er sich downtown amüsieren will, muss er einen Picknickkorb mitbringen - Schwarze werden zu der Zeit in den Südstaaten-Restaurants nicht bedient. Weil er ein hübscher Kerl ist mit sinnlicher Ausstrahlung, schlank, sportlich, knapp 1,80 Meter groß, sind es - logisch – immer wieder Frauen, die ihn aus Notlagen retten. Er weiß das zu schätzen. „Die Frauen", sagt er 1967 zu einem Reporter, „sind so ziemlich meine besten Freunde, weil sie mir immer geholfen haben, verstehste...".

Jimi Hendrix ist glücklich in dieser Zeit, gleichviel, ob man ihn bezahlt oder nicht. „In diesen netten, schmierigen Clubs", erinnert er sich später, „wo immer ein Ventilator über der Bühne hing, weil es so irrsinnig heiß war, kam man sich wie ein Galeerensträfling vor. Aber es machte Spaß zu schwitzen. Manchmal haben sogar die Gitarren und die Verstärker geschwitzt. Es schien, als würde auch die Musik immer heißer werden. Irgendwann sind wir wohl alle zusammengeschmolzen." Dass der höfliche, schüchterne Junge aus Seattle - „Mein Vater war sehr streng, und er hat mir beigebracht, Leuten, die älter sind als ich, mit Respekt zu begegnen" - eine heiße Affäre mit seiner Elektrogitarre unterhält, spricht sich herum in Amerikas musikalischem Wanderzirkus. Soul-Stars wie Ike und Tina Turner oder die Isley Brothers werden auf ihn aufmerksam. An Backgroundleuten herrscht immer Bedarf. Sie rollen den Klangteppich aus, auf dem die Sänger ihre Show abziehen. „Wir mussten Mohair-Anzüge tragen", erzählt Jimi später. „Dabei hasste ich Mohair-Anzüge." Widerwillig besorgt er sich die vorgeschriebene Uniform, tanzt nach der grotesken Bandchoreografie und träumt vom Platz im Rampenlicht, der für einen „Sideman" unerreichbar scheint. Nach wie vor wird er lausig bezahlt. „Es geht mir gut", schreibt er seinem Vater von einer Tournee, „obwohl ich nicht jeden Tag etwas zu essen habe." Nebenbei bringt er seiner Gitarre sämtliche Tricks aus dem Arsenal des Blues, Soul, Rythm & Blues und Rock'n'Roll bei.

Bald kann er alles. Nur zeigen darf er es noch nicht. Es ist in einer Musikhalle in Atlanta, Georgia, wo er 1965 auf eine schrille Type trifft, die sich wie ein Tropenvogel kleidet, papageienmäßig schreit und Klavier mit den Ellbogen pielt. „Little Richard", der führende Rock'n'Roll-Troll, posiert in Dauerwelle und Glitzerfummel, und da er in einem seiner Hits auch noch eine „Lucille" besingt, tritt Jimi Hendrix begeistert in seine Begleitkapelle ein. Ein halbes Jahr tourt er mit dem androgynen Richard Penniman, Hendrix bewundert ihn und imitiert ihn nach Kräften. Doch als er selbst einmal den vorgeschriebenen Anzug gegen ein grellbuntes Hemd austauscht, kreischt der Papagei: „Ich bin der Star. Wenn hier einer hübsch sein darf, dann ich." Jimi hängt die Uniform an den Haken und beschließt, New York zu erobern. Kleidet sich als Schamane mit Feder am Hut und dreht seinen Gitarrenverstärker so weit auf, dass den Barflies in Harlem Hören und Sehen vergeht. Verblüfft bemerkt man, dass er sein Instrument seitenverkehrt hält und nicht nur blitzschnelle Sololäufe vollführt, sondern, dank seiner großen Hände, den Schlagzeugtakt, den pulsierenden Bass und die Harmonien gleich mitgeliefert. Der Mann, der nachts in leer stehenden Mietskasernen pennt, „wo die Kakerlaken mir die letzten Süßigkeiten aus der Tasche klauten", klingt wie ein ganzes Rockorchester. Zudem kann er bei Bedarf die Gitarre akrobatisch hinter dem Kopf spielen und sie mit den Zähnen zum Singen bringen. Als Richie Havens ihn Ende 1966 in der Hippie-Hochburg Greenwich Village hört, ist er fassungslos. „Da steht dieser Typ auf der Bühne und beißt in seine Gitarre", erinnert sich der Folksänger. „Ich sehe mich nach dem zweiten Gitarristen um, aber ich finde ihn nicht."

Wieder ist es eine Frau, die Jimi Hendrix (zu der Zeit trägt er noch den Künstlernamen Jimmy James) aus der Not hilft: Linda Keith. Sie ist die Freundin von Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards, und sie ist nach eigener Aussage „wie gebannt", als sie eines Nachts, unterwegs mit den Stones, im Cheetah-Club den linkshändigen Hendrix hört und sieht. Keith Richards ist kaum auf US-Tournee, da holt sie den Jungen aus seiner Kakerlaken-Absteige in ihr Zimmer im noblen Hilton Hotel. Und, wichtiger, sie wirbt bei Bryan „Chas" Chandler für ihn. Chandler ist Engländer, spielte beim „Animals"-Klassiker „The House Of The Rising Sun" den Bass, will aber weg von der Bühne ins Management. Und so schleppt Linda Keith ihn in die Szenekneipe „Cafe Wha ?", wo ihr Schützling gerade auftritt. Chandler ist hingerissen. Der „wilde Mann" im Afrolook ist nicht nur in eine neue Dimension des Gitarrenspiels vorgestoßen, sondern kann, wenn er erst seine Schüchternheit abgelegt hat, wie ein alter Bluesman aus dem Mississippi-Delta singen. Zusammen mit dem „Animals"-Manager Mike Jeffery lädt Chandler Jimmy James im Herbst 1966 nach London ein, mitten hinein ins Dorado der Beatmusik, mitten hinein in ein neues, intensives, wenn auch kurzes Leben. Ohne einen Cent in der Tasche, nur mit Instrument, Lockenwicklern und einer Dose ,Valderma" Gesichtscreme im Gepäck - nun allerdings, auf Chandlers Geheiß als Jimi Hendrix - flog er nach London wie zum Duell mit den britischen Gitarrenhelden.

Und er kam, sang und siegte. Was er in den Londoner Clubs auf seinen sechs Saiten zauberte, hatte man dort nie zuvor gehört. Hendrix, so konstatierte eine enthusiastische Fachwelt, hatte der Gitarre das Sprechen beigebracht. Sie klang wie ein Lebewesen, das er küsste und schlug, bis es seufzte und winselte, Schmerzensschreie ausstieß oder in röchelnder Agonie erstarb. Andächtig lauschten Superstars wie (der gehörnte) Keith Richards oder Paul McCartney (der ihn ein „Monster" nannte). Und Jeff Beck gestand, dass der Kerl „uns alle verändert hat". Eric Clapton dagegen, bis dahin unumstrittener Gitarrengott, erwies dem Monster neidlos seine Reverenz, indem er „als Hommage an Jimi Hendrix" mit seiner Band „Cream" den Hit „Sunshine Of Your Love" einspielte. Der bedankte sich mit einer eigenen Version des Songs, in der er Clapton augenzwinkernd eine Gitarrenlektion erteilte.

Schon die erste Platte, die er mit zwei blassen britischen Background-Boys unter dem Bandnamen „Jimi Hendrix Experience" einspielte, brachte ihm Weltruhm. „Hey Joe" handelte von einem Mann, der seine Frau aus Eifersucht umbringt und sich über die Grenze davon- macht, bevor der Henker ihn erwischt. Die kühle Beiläufigkeit, mit der er den Mord gesteht, wird von der Eloquenz der Gitarre widerlegt: Ja, er hatte sie getötet, aber zuvor hatte sie ihm das Herz gebrochen. Der Funke sprang auf das Publikum über. Wie einst bei den „Beatles" gerieten die Teenies schon bei seinem Anblick in kreischende Ekstase, wurden die Hotels, in denen er nächtigte, von Fans umlagert und die Mädchen, die er dort empfing, und er empfing viele, von Reportern ausgequetscht. Wer auch immer in seine Nähe kam, war „elektrisiert". Wer seine Vinylplatten unter der Diamantnadel rotieren ließ, fühlte sich in eine hypnotisch vibrierende Welt versetzt. Jimi Hendrix selbst erging es nicht anders. Sobald er in seiner Schamanenkluft die Bühne betrat, fühlte er sich wie ein willenloses Instrument der Inspiration. „Bei jedem Auftritt", bekannte er, „opfere ich einen Teil meiner Seele". Seine Songs zelebrierte er vor einem Hochaltar aus Verstärkern und Boxen, deren Schalldruck kilometerweit reichte. Den Metallklang der Saiten jagte er durch pedalgesteuerte „Verzerrer" und „Wahwah -Geräte", die wie startende Triebwerke kreischten oder den einlullenden Singsang einer menschlichen Stimme imitierten.

Am Ende seiner Auftritte ließ er den Ton in eine pfeifende Rückkopplung umkippen, zu deren Höllenlärm er die Gitarre wie in Trance gegen die Lautsprecher stieß, zu Boden schmetterte, mit Feuerzeugbenzin tränkte -und flambierte. Dann schrie es minutenlang qualvoll aus den Boxen, während Jimi längst wieder im Dunkel verschwunden war. Als man ihn um ein Autogramm auf das misshandelte Instrument bat, schrieb er wie im Scherz: „Darling Gitarre. Bitte gib jetzt Ruhe. Amen." Sein Darling gab keine Ruhe. Weder die Gitarre, die ihn zu immer explosiveren Klanggewittern provozierte, noch die Frau, die ihm zu seinen Inspirationen verhalf. Auch die Ballade „The Wind Cries Mary", deren melancholische Wortmagie an sein Vorbild Bob Dylan erinnert, war der toten Lucille gewidmet. Der Song handelt von einem einsamen Kind, das, umgeben von den „zerbrochenen Stücken" der Vergangenheit, nach seiner verschwundenen Mutter ruft. Weil sie ihn nicht zu hören scheint, lässt er den Wind nach ihr rufen. Und als die Antwort immer noch ausbleibt, flüstert der Wind, und dann schreit er und heult nach ihr. Das Saitenspiel aber bleibt sanft, perlend und leicht, wie ein tapferer Junge eben, der nicht weint. Der Wind weint an seiner Stelle. Es ist aber nicht der introvertierte Poet, den die Massen bejubelten, sondern der musikalische Amokläufer, der die Welt symbolisch zu Kleinholz schlug. Was Freunden gepflegten Popgesangs wie ein Generalangriff auf ihr Trommelfell erschien, wurde von der politischen Protestbewegung der 68er als schrilles Fanal bejubelt. Beides begründete Jimi Hendrix' Ruhm, und beides beruhte auf einem Missverständnis. „Meine Musik", versicherte er, „tritt nicht durch das Trommelfell in die Menschen ein, sondern durch die Seele." Sie sollte nicht die Welt, sondern „die Herzen verändern". So paradox es klingt, war die extreme Lautstärke nötig, um noch die leisesten Töne hörbar zu machen. Die Verstärkeranlage war so geräuschempfindlich, dass seine Geliebte vom Typ Fender „Stratocaster" schon losging, wenn er nur den Finger an ihren Hals legte.

Die Open-Air-Konzerte, die seit 1967 von Kalifornien aus die Welt eroberten, waren für den elektrischen Schamanen wie geschaffen. Da die Festival Bühnen auf ausgedehnten Wiesenflächen oder abgeernteten Maisfeldern errichtet wurden, benötigte man haushohe Lautsprecherwände, um das Hunderttausende zählende Publikum zu erreichen. Für Jimi Hendrix, der am liebsten auf einer gewaltigen Klangwelle surfte, bot das ideale Bedingungen. Die Hippies, die in einer duftenden Haschischwolke schwebten, erlebten seine Auftritte wie die Erscheinung eines Stirnband tragenden Gottes, der lächelnd einen Joint zwischen den Lippen hält. Hendrix' zweiter Hit „Purple Haze", in dem er im „purpurroten Dunst" eines LSD-Trips mal eben, „T'schuldigung, den Himmel küssen" muss, wurde zur Hymne der Love-and-Peace-Generation.

Er selbst war kein Hippie, begab sich aber auf jeden „Trip", ohne lange zu fragen, wie und ob er überhaupt zurückkehren würde. Wenn er sein erstes Album „Are You Experienced ?" („Hast du Erfahrung?") nannte, dann meinte er damit auch die Drogen, die man erfahren haben musste, um mitreden und -hören zu können. Hinterher berichtete er von abenteuerlichen Reisen, die ihn in die azurblauen Tiefen der Ozeane oder die fernsten Bezirke der Milchstraße geführt hatten. Oder an den Rand des Abgrunds. „Hast du schon mal im Bett gelegen und konntest dich nicht mehr bewegen ?", fragte er 1967 einen Journalisten. „Wo du fühlst, wie du tiefer und immer tiefer in etwas hineingerätst? Es ist kein Schlaf, sondern irgendetwas anderes. Panik überfällt dich, furchtbare Todesangst, und du versuchst, um Hilfe zu schreien. Aber du kannst dich nicht bewegen und kannst auch nicht schreien. Und du denkst nur noch: Hilfe, Hilfe." Jimis Kometenbahn zog sich vom Monterey-Festival im Juni 1967, das ihm in Amerika den Durchbruch brachte, über das legendäre Woodstock 1969 bis zum verregneten „Love and Peace Festival" auf Fehmarn 1970, knapp zwei Wochen vor seinem Tod. Den Kometenschweif bildeten jene hysterischen Jüngerinnen, die Sex gegen Dabeiseindürfen eintauschten. Als Superstar konnte er jedes dieser Groupies „haben", und da er nicht nein sagen konnte - „Ich weiß auch nicht, ich kann halt nun mal nicht anders und fertig" - hatte er auch jede. Nur „besitzen" wollte er sie nicht. Der Liebling der Frauen war bindungsunfähig. So stritten sich die smarte Engländerin Kathy Etchingham, das heroinsüchtige „Supergroupie" Devon Wilson, der Andy-Warhol-Star Pat Hartley und die Dänin Kirsten Nefer - „Jimi war der sinnlichste Mann, dem ich je begegnet bin" – mit seiner deutschen „Braut" Monika Dannemann -„Jimi war in Wirklichkeit... schüchtern und sensibel" - darum, wer seinem Herzen am nächsten stand. Vermutlich wusste er es selbst nicht.

Sie alle mussten erfahren, dass der Mann, der nicht nein sagen konnte, auch nicht ja sagen konnte. Immerhin liebte er sie alle so sehr, dass er sie zu „Electric Ladies" adelte. Seinen Dank an die vagabundierenden Liebesdienerinnen stattete Hendrix im Oktober i 1968 in Form eines Albums ab. „Electric Ladyland", dessen Cover - „Ich hatte nicht das Geringste damit zu tun... das ist doch einfach nur totaler Bullshit" - eine Schar nackter Schönheiten zierte, gilt heute als Gipfelpunkt einer Rockmusik, die er eben damit hinter sich ließ. Was von außen wie Hieronymus Boschs Garten der Lüste erschien, bot im Inneren Hendrix' symphonisches Universum. Nicht er spielte, sondern die Elektrizität selbst schien in den Saiten zu ertönen, bis sich die magischen Klangflächen ins Unendliche dehnten. Ganz so, als sei er des irdischen Lebens überdrüssig, lässt er sich im Song „1983 - A Merman I Should Turn To Be" lächelnd in die Tiefe des Meeres sinken, obwohl man ihn gewarnt hat, „es sei für einen Menschen unmöglich, unter Wasser zu atmen und zu leben". Er versucht er trotzdem, und Atlantis heißt ihn lächelnd willkommen. Auf Erden fiel ihm das Atmen zunehmend schwer. Die Rechte an seiner Kreativität hatte er achtlos an mehrere Produzenten und Manager abgetreten, die in endlosen Prozessen noch lange über seinen Tod hinaus darum stritten, wem Hendrix gehörte. Zwar durchschaute er sie als „Geier, die von mir leben", aber er wehrte sich nicht. Sobald er eine neue Platte herausbrachte, ging das Gezerre los, wer den Gewinn einstreichen durfte. Seine Manager hatten ein Modell erdacht, das den Künstler, unter dem Vorwand der Steuerersparnis, zum Angestellten einer auf den Bahamas angesiedelten Firma degradierte. Abgesehen vom Taschengeld, das man ihm zwischendurch zusteckte, verschwanden Jimis Millionen im Irgendwo, und als Mike Jeffery 1973, drei Jahre nach Jimi Hendrix' Tod mit dem Flugzeug abstürzte, verschwand auch das Wissen, wohin. Zu Hendrix' wachsendem Frust trugen hohe Schulden bei. Weil er für seine Klangvisionen ein eigenes Studio brauchte, musste er 1970 bei seiner Produktionsfirma eine Dreihundert-tausend-Dollar-Anleihe aufnehmen, die er abzustottern hatte. Prompt begannen die Inspirationen, zu denen er nun verdammt war, spärlicher zu fließen.

Da die Manager die endlosen Aufnahmesessions für verschwendete Zeit hielten, jagten sie den Gitarrengott in das Hamsterrad der Publikumsauftritte zurück. Während allnächtlich eine bekiffte Masse erwartete, dass ihr Jimi wieder Boxen durchlöcherte und in die Gitarre biss, ahnte keiner, dass der Schamane dabei Schulden abarbeitete. Hendrix fand sich, wie der beste seiner Biografen, Harry Shapiro, schrieb, gefangen im „Kreuzfeuer sich befehdender Plattenproduzenten, Musiker, Frauen und Manager, die alle hinter seinem Geld, seiner Zeit, seinem Körper, seiner Seele, seinem Wohlwollen, seinem Bewusstsein und seiner Musik her waren". Am 18. September 1970 entwischte er ihnen. Um endlich Ruhe, endlich Schlaf zu finden, so erzählte es seine Freundin Monika Dannemann, muss Hendrix irgendwann am Morgen in ihrer gemeinsamen Wohnung im Londoner Samarkand-Hotel die restlichen neun aus ihrem 10er-Röhrchen „Vesperax"- Schlaftabletten geschluckt haben. Eine Tablette hatte sie selbst zuvor genommen und war eingeschlafen.

Als sie gegen zwanzig nach zehn aufwachte, schlief Jimi „ganz normal". Erst etwas später, sie hatte die Wohnung kurz zum Zigaretten holen verlassen, habe sie bemerkt, dass es ihm schlecht ging, „dass etwas aus seinem Mund herausfloss, worauf ich versuchte, ihn zu wecken. Das gelang mir aber nicht". Jimi Hendrix schlief so fest, dass er nicht einmal zum Sterben erwachte. Er erstickte an Erbrochenem, vermutlich im Krankenwagen, auf dem Weg ins St. Man Abbots Hospital. Weil niemand wahrhaben wollte, dass sich der laute Superstar so leise davongemacht hatte, verbarg man sein Ende hinter Schlagzeilen vom Drogentod und Legenden von Mordkomplotten. Vergiftet habe man ihn, wurde gemunkelt, oder erwürgt. Verdächtigt wurden das FBI, das ihn für einen Sympathisanten der militanten „Black Panthers" hielt, aber auch die „Musikmafia" und Manager Jeffery, der eine Lebensversicherung in Millionenhöhe auf seinen Klienten abgeschlossen habe und fürchtete, dass dieser sich von ihm trennen könnte. Jimi Hendrix wollte sich tatsächlich trennen, doch nicht nur von ihm. „Die nächste Reise nach Seattle", hatte er kurz. vor seinem Tod prophezeit, „werde ich in einer Holzkiste antreten." Inmitten der depressiven Verdüsterung, die ihn im Sommer 1970 ergriff, sah er noch einmal sein Traumland vor sich, über dem eine neue Sonne aufging. Das Album, das sein Requiem werden sollte, nannte er „First Rays Of The New Rising Sun". Noch einmal erzählte er von jenem kleinen Jungen, der als Sternenreisender durch das Universum jagt und jeden, der ihn sieht, in Begeisterung versetzt. Noch einmal beschrieb er das Meer aus „vergessenen Tränentropfen", auf dem sein Rettungsboot führerlos dahintreibt, besang er das regenbogenfarbige Land seiner Sehnsucht, zu dem ihn das Mädchen mit den Gypsy-Augen führt, hinauf in die leuchtende Welt der Töne „jenseits des Jupiter", wo die Sonne nie untergeht und ewiges Erblühen herrscht. Man könnte mutmaßen, dass dies das Land ist, in dem die ewig flüchtige Lucille ihn erwartet. Ein Engel, singt er in seinem letzten Wiegenlied, kommt auf Silberschwingen vom Himmel herabgeschwebt und erzählt ihm von der Liebe zwischen Mond und tiefblauer See, die nie vereint sein können. Dann nimmt der Engel sein Schamanenkind bei der Hand und fliegt mit ihm davon, „hoch über alle Grenzen hinweg". Seitdem stieg auch Jimi Hendrix' Ruhm über alle Grenzen hinweg. Man wählte ihn zum „größten Gitarristen aller Zeiten" und errichtete ihm ein bombastisches Museum in seiner Heimatstadt Seattle, wo er seit kurzem in einer monumentalen Grabstätte mit Vater AI und Großmutter Nora Rose vereint ist. Und alljährlich feiert man in immer neuen, millionenfach verkauften „Live"-Aufnahmen die Auferstehung des Superstars. Vermutlich hätte es ihn amüsiert. „Wenn du erst mal tot bist", hatte er schon 1969 prophezeit, „hast du für dein Lebtag ausgesorgt"

Biografie Jimi Hendrix von Joachim Köhler im "Stern" Nr. 3/2005

TRIBUTES

Der Mann hat mir Todesangst eingejagt, im positiven Sinne. An ihm machte ich die Erfahrung, dass die Macht der Musik und ihrer Hohepriester schmerzhaft sein kann. Hendrix hören blieb nicht ohne Folgen. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf würde weggeblasen und mein Herz würde aus dem Leib springen. Er war ein Schamane. Er berührte Himmel und Erde, brach Leute aus ihrer Form heraus. „Star Spangled Banner" ist ein Meisterwerk: der schwarze indianische Mann, der die Geister beschwört, die Toten flüstern lässt, Jets in den Sturzflug schickt. Der Mann, der die Erde beben lässt. Ich war ihm dankbar für die Erschütterung. Er hat mich in Tränen aufgelöst. „All Along The Watchtower" ist für mich die Schönheit, die Tiefe, das Mark von Rock'n'Roll."

Die Liedermacherin Ulla Meinecke („Der Stolz italienischer Frauen") schlich sich als 15-Jährige 1969 in Hendrix' Doppelkonzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle„An dem Festival-Wochenende tobte auf Fehmarn ein Orkan, was Jimi Hendrix aber würdig war. Als er dann am Sonntag mittags auf die Bühne kam, riss der Himmel auf, die Sonne schien, um genau 12.56 Uhr war das. Ich habe 120 Fotos gemacht und mein letztes Geld für teure llford-Filme ausgegeben und mit Zoom fotografiert. Ich dachte: Das ziehst du jetzt durch, du darfst dich nicht treiben lassen von der Euphorie. Ich war ja Hendrix-Fan und bin seinetwegen nach Fehmarn gefahren. Hendrix war das Symbol des Andersseins, des Inopportunen, er machte einzigartige Musik, man kann sie mit Mozart oder Beethoven vergleichen. Seine Einsamkeit hat man ihm angemerkt, die hat einen aber angetörnt. wenn man sich selbst so fühlte. Ich kann seine Musik heute nur allein hören und nicht jeden Tag, nur zu bestimmten Momenten, sie geht mir zu nah. Das war meine Prägung, das legt man nicht ab. das wird mich mein Leben lang begleiten. Ich bin froh, dass ich das erlebt habe.

Der Fotograf und Galerist Wolfgang Gau, 56, war im September 1970 dabei, als Jimi Hendrix sein letztes Konzert auf der Insel Fehmarn gab. Seine Bilder hat er seit 2001 als „Jimi Hendrix Projekt" deutschlandweit in Ausstellungen gezeigt. Jimi Hendrix war der GrößteDeutschrock-Star.

Marius Müller-Westernhagen hat Hendrix noch auf der Bühne erlebt. „Electric Ladyland" ist seine Lieblingsplatte. „Hendrix war seiner Zeit weit voraus. Ja, er ist es noch heute.“

Der Punk-Geiger Nigel Kennedy spielt auf seinen Konzerten die Violine schon mal mit den Zähnen – wie Hendrix einst die Gitarre. „Ich hatte eine Affäre mit ihm, und die ging eigentlich sehr tief. Aber aus bestimmten Gründen haben wir diese Liebe nicht ausleben können. Kurz bevor er gestorben ist, habe ich ihn noch einmal gesehen. Ich konnte sehen, in was für einem Schmerz er steckte. Er schien die Welt draußen nur noch durch eine Glaswand wahrzunehmen. Mir war klar, dass dieser Mann in einer verzweifelten Lage war. Doch ich wusste nicht, wie ich zu ihm durchdringen konnte. Ich war einfach noch zu jung. Heute wäre mir bestimmt etwas eingefallen."

Uschi Obermaier, Ikone der 68er, lebt heute als Schmuck Designerin in Topanga Canyon bei Los Angeles„Er kam mir vor wie ein Marsmensch. Es gab so gut wie keine Schwarzen in Newcastle - ich glaube, er war sogar der erste schwarze Mensch, den ich je gesehen habe. Ich war wie elektrisiert und konnte das Erlebnis kaum verdauen. Das gab für mich den Ausschlag, Musiker zu werden - auch wenn das vorher schon irgendwie unterbewusst klar war. Das war für mich der Beginn der Rockmusik. ES WAR HEAVY- GANZ ANDERS ALS HEUTE!

Ende der 60er Jahre sah der Rock-Musiker Sting Hendrix in seiner Heimatstadt Newcastle auf der Bühne. 20 Jahre später nahm er den Hendrix-Song „Little Wing" auf. „Seit dem zarten Alter von zwölf Jahren versuche ich, mich von Jimi Hendrix zum Üben überreden zu lassen. Um mich herum zogen sich die Gitarre spielenden Jungs mehr und mehr in sich zurück, um das alberne Gegniedel irgendwelcher langhaarigen Verstärkerkatalog-Heroen imitieren zu lernen. Ich hingegen saß mit sehr realen, nicht weniger langhaarigen Heroen im Park und lernte die Akkorde diverser B-Seiten. Immer, bis ich sie irgendwie konnte, aber keinen Schritt weiter. Nur wenn ich vorm Fernseher saß und dem halbtoten Jimi Hendrix dabei zuschaute, wie er seine Gitarre vögelte, gab es mir einen Stich. Ob es nicht doch gut wäre, wenn man wusste, was man täte. Ob nicht das In- und Auswendigkennen des eigenen Instrumentes in Wirklichkeit Liebe sein könnte und nicht Wichserei. Ob ich nicht doch in der Nähe dieses Feuers stehen wollte. Denn diese ganz spezielle Hitze, diese Blindheit, diese Vereinigung mit der Musik - das passiert nur, wenn man mit ihr spazieren gehen kann, neben ihr herlaufen, ihre Hand halten. Bis heute geht es mir so, wenn ich Jimi Hendrix höre oder sehe. Dann denke ich: Vielleicht sollte ich doch mal rausfinden, wozu die Knöpfe an meinem Verstärker gut sind. Und wie die Töne auf meiner Gitarre heißen. Und wie man spielt, ohne hinzugucken. Und immer noch bleibe ich dann doch lieber gemütlich neben Herrn Hendrixens Feuer stehen und warme mir die Hände daran, ohne zu nah ranzugehen und mir vielleicht sogar Blasen zu holen.

Judith Holofernes ist Sängerin und Gitarristin von „Wir sind Helden"„Nach seinem Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle 1969 fuhren Jimi Hendrix und ich in meinem Mercedes zu mir nach Hause. Unterwegs erzählte mir Jimi von seiner indianischen Großmutter, einer Schamanin, die sein größter Einfluss gewesen war, was man an seinem Bühnenschmuck merken konnte, an den Farben, den Federn und Bändern. Zu Haus hörte dann die ganze Familie mit Jimi Bluesplatten an, und Jimi kommentierte mit leiser Stimme, was wir hörten, Muddy Waters zum Beispiel: Es war die schönste Märchenstunde, die unsere Kinder je hatten. Der Wellensittich meiner Tochter entwischte aus seinem Käfig und flog Jimi pfeilgerade in die Haare - doch Jimi befreite ihn und sagte: Lasst ihn in Ruhe, vielleicht liebt er den Blues genauso wie wir. Jimi Hendrix war ein Ikarus des Blues, der in die Sterne flog, der Sonne zu nah kam und verbrannte. Als er starb, habe ich um ihn getrauert wie um einen Bruder."

Die Konzertveranstalterlegende Fritz Rau, 75, organisierte die einzigen beiden Deutschland-Tourneen von Jimi Hendrix 1969 und 1970„Die Jugendlichen lieben heute Jimi Hendrix, weil er tot ist. Weil es nur wenige Lieder von ihm gibt. Weil er auf dem Höhepunkt seines Könnens aufgehört hat. Weil es keinen Müll von ihm gibt, und weil er nie eine Discoversion seiner Lieder aufnehmen konnte. So bleibt man unsterblich."

Der englische Kult-Autor Nick Hornby („High Fidelity") ist einer der größten schreibenden Popmusik-Fans.

Joachim Köhler im "Stern" Nr. 3/2005

3. Special Story Jimi Hendrix- Das geschundene Genie

In der Tat, erst Produzenten und Plattenmanager, Presseleute und Posterhersteller und nicht zuletzt wir selbst, die Rockfans, haben aus Hendrix jenen tragischen Helden konstruiert, der er zu Lebzeiten nicht war. Mit verklärtem Blick und wissendem Kopfnicken reagieren viele Rockfreunde bei Nennung des Namens Jimi Hendrix. Alle anderen ähnlich wichtigen Rockgrößen treten in den Hintergrund, wenn die Reminiszenzen zu Jimi schweifen. Übersehen wird dabei, daß es trotz Hendrix' Erfindungen mit der Gitarre noch weitere Gitarristen gab, die entweder genauso innovativ wirkten, etwa Jeff Beck, oder technisch wohl besser waren, etwa Eric Clapton. Daß Hendrix lediglich drei Alben veröffentlichte, die den Namen „Meilenstein" verdienen: „Are You Experienced?", „Axis: Bold As Love" und natürlich „Electric Ladyland". Daß zwar Hendrix das Feedback zum Stilmittel erhoben hat, Pete Townshend und die Who die Rückkoppelung jedoch schon Jahre vorher (in „Anyway, Anyhow, Anywhere") integriert hatten. Daß Hendrix als Sexsymbol gefeiert wurde, obwohl etwa Jim Morrison dabei mindestens ebenso viel bot.

Kurzum, Jimi Hendrix war nicht der, sondern bloß einer der Größten. Alles andere ist posthumes Glitter und Gloria.Die englische Leichtgewichts-Sängerin Petula Clark meinte 1967 im „Melody Maker": „Jimi Hendrix ist eine riesige Täuschung". Und auch Nick Cohn schrieb: „Er war nur Image, dieser Hendrix", obwohl der bissige Schreiber auch lobende Worte über den Gitarristen fand. Richtig ist, daß Hendrix, als er um die Jahreswende 1966/67 die ersten Auftritte mit seiner Experience in London absolvierte, zunächst weniger durch Musik, sondern eher durch sein Aussehen und seine ekstatischen Gebärden auffiel. Die Branche war derart überrascht von diesem Symbol des „wilden Mannes an sich", daß sich selbst die Stars vor der Bühne der Clubs drängelten, um nur ja nichts zu verpassen. Und Hendrix' Manager Chas Chandler, Ex-Bassist der Animals, der Jimi aus Amerika nach England gebracht hatte, tat alles mögliche, um das Interesse noch anzuheizen. Chandler hatte nach seinem Ausstieg bei den Animals neue Chancen als Geschäftsmann gesucht, war zur Entdeckung neuer Talente nach Amerika gereist und hatte dort von Keith Richard's damaliger Freundin Linda Keith den Tip erhalten, sich einmal einen farbigen Gitarristen im „Cafe Wha" in New Yorks Greenwich Village anzusehen. Es gelang Chandler relativ schnell, diesen James Marshall Hendrix, wie der Gitarrist hieß, zur Reise nach England zu überreden; am schwierigsten fiel noch, Hendrix zu bewegen, sich von seinen damaligen Mitspielern zu trennen, zumal Jimi gerade einen talentierten Gitarristen namens Randy California in seine Band einbauen wollte. Chandler wollte jedoch nur Jimi, so daß California auf der Strecke blieb, im Jahre darauf allerdings Spirit gründete - was ja auch einiges wert war. Chandler's Pläne, Hendrix zum Riesenstar aufzubauen, fielen auf fruchtbaren Boden. Jimi wusste um seine vorzüglichen Fähigkeiten auf der Gitarre, die er bis dato nie recht hatte einsetzen können. Außerdem winkte natürlich das große Geld in England, ein umso stärkerer Reiz, als Hendrix in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war. Am 27.11.1942 war Jimi in Seatle im US-Staat Washington geboren worden. Vater James Allen Hendrix, ein Schwarzer, arbeitete als Gärtner, Mutter Lucille, eine Halbindianerin, war arbeitslos. Beiden wurde 1947 ein zweiter Sohn, Leon, geboren; als Lucille einige Jahre später starb, heiratete Mr. Hendrix ein zweites Mal, nun eine Japanerin, mit der er zwei Töchter zeugte. Diese Familienverhältnisse zu kennen, ist wichtig: Als Hendrix später, 1968/69, mehrfach von der Black Panther-Bewegung und parallelen Vereinigung gedrängt wurde, sich öffentlich gegen die Rassendiskriminierung einzusetzen, lehnte er jedesmal ab. Nicht nur politisches Desinteresse wog dabei mit, sondern auch das Unvermögen, diese Diskriminierung nachzuempfinden. Jimi's Familie war ja gerade ein Symbol der Vermischung verschiedener Rassen gewesen- und als Star hat Jimi sowieso nie irgendwelche Diskriminierung empfunden. Im Gegenteil, seine teils negroide, teils indianische Abstammung wurde sogar als publicityträchtig vermarktet.

Mit 16 verließ Jimi die Schule, übte weiterhin Gitarre und ließ sich von B.B. King, Muddy Waters und Robert Johnson beeinflussen. In Amateurbands spielte er unter anderem Songs der Coasters nach. 1961 trat er freiwillig in eine Fallschirmspringer- Kompanie der US-Army ein, verletzte sich beim 26. Absprung und wurde 1963 daher entlassen. Jimi entschloss sich zu einer Karriere als Profi-Musiker. Teils mit fester Anstellung, teils lediglich für Tourneen spielte er bei B.B. King, Little Richard, Sam Cooke, Wilson Pickett, den Isley Brothers, Ike & Tina Turner und Joey Dee & The Starlighters. Ein längeres Engagement folgte als Leadgitarrist beim Sänger Curtis Knight, der später eine Hendrix-Biografie schrieb, in der vornehmlich der Verfasser selbst gut wegkam. Irgendwann 1965 führte Jimi sogar eine eigene Band - Jimmy James & The Blue Flames. Dann folgten das Cafe Wha und Chas Chandler. Chris Welch berichtet in seinem Hendrix-Buch von phänomenalen Konzerten der frühen Jimi Hendrix Experience. Jimi mimte den wilden Mann, nuschelte Dylan-haft vieldeutige Texte und setzte seine Gitarre in bis dahin nicht gehörte musikalische Flammen (später mit Hilfe von Feuerzeugbenzin sogar in echte). Er liebkoste und quälte sein Instrument, spielte mit den Zähnen und hinter dem Rücken, über dem Kopf und zwischen den Beinen. Und wenn er die Gitarre vor der Hüfte hielt und sein Becken nach vorn schob, dann merkte es jeder: Wo die Penis-Symbolik einer Gitarre liegt und wie man sie als clean machine benutzen kann. Neben Jimi zupfte ein Bassist, der ähnlich wild aussah, Noel Redding hieß und sich 1966 ursprünglich als neuer Gitarrist bei den Animals beworben hatte, dann aber von Chas Chandler als Baßmann der Experience angeheuert worden war.

Dahinter trommelte Mitch Mitchell, den man vorher aus Georgie Fame's Band entlassen hatte. Das Trio bestand schon kurz nach der ersten Zusammenkunft eine Art Feuerprobe: Frankreichs Rockidol Johnny Halliday benötigte für eine anstehende Tournee eine backing band und engagierte die Experience gleich beim ersten Anhören. So erlebte denn das Publikum im Pariser 'Olympia' zuerst die Juni Hendrix Experience - quasi mit Halliday als Leadsänger. Nachdem sich Hendrix Anfang 1967 durch zahlreiche Auftritte in London und mit den Hits „Hey Joe" und „Purple Haze" weithin Aufmerksamkeit erspielt hatte, folgte die Eroberung Amerikas. Paul McCartney hatte der Experience zum Auftritt beim Monterey Pop Festival im Juni 1967 verholfen, wo Hendrix sich nicht nur trotz solcher Konkurrenz wie Who, Byrds, Janis Joplin, Jefferson Airplane, Mamas & Papas, Otis Redding und Johnny Rivers behaupten konnte, sondern glatt zum Star des Festivals avancierte. Im Nu biß die US-Branche an. Mike Jeffery, der neben Chas Chandler zweite und recht zwielichtige Manager der Experience, hatte flugs einen Vertrag abgeschlossen, der wie der reine Hohn aussah: Jimi Hendrix on tour with The Monkees. Nun war eine solche Übereinkunft für damalige Zeiten keineswegs so absurd, wie sie heute erscheint. Schon in England war die Experience gemeinsam mit Cat Stevens, Engelbert Humperdinck und den Walker Brothers als Topgruppe durchs Land gereist - mit Erfolg übrigens.

Dem sich festigenden Image der Hendrix Experience- schien allerdings nun Gefahr zu drohen, denn wer mochte Jimi noch ernstnehmen, wenn er mit den Monkees, der allerschlimmsten TV-Teeny-Band, auf Tournee ging? Vor den zehn- bis zwölfjährigen Monkees-Fans mit ihren Müttern erlitt Hendrix prompt Schiffbruch; die Tournee wurde abgebrochen und das Gerücht verbreitet, der militant konservative Frauenverein „Daughters Of The American Revulution" habe dies durch eine Kampagne gegen Jimi's eindeutig sexuell betonte Show verursacht. Indirekt geriet nun die Tournee zum Erfolg: Amerikanische Zeitungen berichteten entrüstet von der Unmoral Hendrix'scher Konzerte – Jimi in allen Zeilen und aller Munde. Und allmählich tauchten auch bei uns erste Berichte in den Boulevardblättchen auf. Von irrwitzigem Krach, entfesselten Orgien Drogenkonsum und sexuellen Ausschweifungen wurde da berichtet. Alles natürlich in bildhaft undenklicher Sprache. Jimi wurde mehr und mehr zum Idol, ja nachgerade zur Inkarnation der Psychedelic- und Underground-Szene erhoben und man begann, mehr auf sein Äußeres denn auf seine Musik zu achten. Niemand wollte wahrhaben, daß der bejubelte Star seit Ende 1968 musikalisch zu stagnieren begann, immer wieder die gleichen Songmuster benutzte und sich live nur noch selbst reproduzierte. Im August 1969 folgte in Woodstock der letzte Höhepunkt der unzähligen Hendrix-Konzerte. Die amerikanische Nationalhymne „Star Spangled Banner" geriet bei Jimi zum infernalischen Melodie-Torso, durch den per Gitarre imitierte Starfighter fegten. An Popularität stand Hendrix nun im Zenit, künstlerisch steckte er jedoch längst in einer Sackgasse. Nicht umsonst wartete das Publikum anderthalb Jahre lang vergeblich auf eine neue LP, die dann erst 1970 in Form von „Band Of Gypsies" erschien. Eine mäßige Platte, mit der Jimi selbst unzufrieden war. Ebenfalls nicht zufrieden konnte man mit Hendrix damaliger Band sein. Im November 1968 hatte sich die Experience getrennt; für Noel Redding war Jimi's Freund aus der Armee-Zeit, Billy Cox, eingesprungen; mit dem Schlagzeuger gab es noch größere Schwierigkeiten, denn in Woodstock trommelte abermals Mitch Mitchell, auf „Band Of Gypsies" dann jedoch Buddy Miles, später wiederum Mitchell, denn sowohl Miles' Stil wie auch seine Ansprüche als zweiter Star neben Hendrix machten eine weitere Zusammenarbeit fragwürdig. Mithin lagen Hendrix nachlassende Kreativität und seine Stagnation nicht bloß in ihm selbst begründet, sondern auch in der Schwierigkeit, geeignete Musiker zu finden.

Schon zu Jimi's Lebzeiten, mehr aber noch nach seinem Tod schien die Anzahl seiner Freunde unermeßlich. Die Sängerin Jeanette Jacobs, Cathy Etchingham aus London. Monika Dannemann, eine Deutsche, und noch einige Frauen mehr wollten alle Jimi's Liebe für's Leben gewesen sein; zahlreiche Musikmanager, allen voran Alan Douglas, fühlten sich als freundschaftliche Nachlassverwalter bezüglich unveröffentlichter Tonbänder; Noel Redding, Curtis Knight, Eric Burdon, um nur einige zu nennen, behaupteten mehr oder weniger deutlich, Jimi’s eigentliche Kameraden gewesen zu sein. Zieht man die Quersumme der Eindrücke dieser Freunde, dann war Hendrix ein eher schüchterner, manchmal ironischer und oft witzig-charmanter Gesprächspartner, der in des - so pathetisch dies klingen mag - in seiner Musik den wahren Freund gefunden hatte.

Dem stand natürlich, das Image krass entgegen. Die von Chas Chandler ersonnene Chose, Hendrix als den „wilden Mann von drüben" in London einzuführen, wurde von den Medien gierig aufgenommen und weitergesponnen. Kaum ein billiges Massenblatt ließ die Chancen aus, von zwei Frauen pro Nacht zu fabulieren, fälschlich von Drogenabhängigkeit zu berichten oder genüßlich auszumalen, wie Hendrix in Göteborg ein Hotelzimmer demolierte oder in Toronto wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde. Kaum jemand nahm wahr, dass Hendrix' Aussehen eigentlich für Underground-Zeiten üblich war: Eine Frisur, wie sie Bob Dylan schon 1965 getragen hatte; Blümchenhemden und Samthosen, die alle trugen, die das mochten und sich auch leisten konnten; mit Voodoo-Kettchen behängt, die ebenso von den Hollies, den Beach Boys oder den Beatles zeitweise getragen wurden.

Irgendwie aber schien dies alles bei Jimi anders zu sein - er selbst hat wenig dazu beitragen, dieses Mau Mau-Image abzubauen, hat es jedoch munter mitgespielt, bis er schließlich merkte, daß ihm dieses Image in der Folgezeit hinderlich wurde. Da aber war's zu spät. Denn die Fans wollten ihren Hendrix auf immer und ewig als ihren Ober-Hippie, als Kultfigur, in die man die eigenen nicht realisierbaren Vorstellungen projizieren konnte. Viele hielten Jimi gar für eine Personifizierung des Protestes, ohne zu bedenken, daß er eine politische Rolle immer abgelehnt hat. Trotzdem spielte Hendrix, von zahlreichen Seiten bedrängt, dann doch halbherzig mit und wurde prompt unglaubwürdig. Helmut Salzingers Buch „Rock Power" machte auf ein denkwürdiges Detail aufmerksam: Auf der LP „Band Of Gypsies" kündigte Hendrix einen Song mit den Worten an „Wir widmen dieses Stück allen Soldaten, die in Chicago kämpfen und (kleine Pause) in Milwaukee und (kleine Pause) in New York. Ach ja, und allen Soldaten, die in Vietnam kämpfen". Mit dieser Ansage erklärte sich Jimi quasi solidarisch mit jener amerikanischen Jugend, die sich als revolutionär empfand, die in US-Städten gegen die Ordnungsmacht kämpfte und gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. Hendrix ein Revolutionär? Mitnichten, denn ein halbes Jahr später kündete der Gitarrist den gleichen Song („Machine Gun") auf der Insel Wight an, mit anderen Städtenamen, doch sonst den gleichen Worten. Und am Ende wieder: „Ach ja, allen Soldaten, die in Vietnam kämpfen". Dieses „Ach ja", eigentlich eine Floskel der Spontaneität, war einstudiert, nur noch scheinbar spontan. Hendrix' Engagement für die revolutionäre Jugend war Teil der Bühnenshow. Zu Hendrix' Image haben seine Songtexte erheblich beigetragen. „Purple Haze", „The Wind Cries Mary" oder „Stars That Play With Laughing Sam's Dice" (abgekürzt zu „STP - LSD") ließen Drogenassoziationen zu. „Up From The Skies", “Third Stone From The Sun" oder „And The Gods Made Love" erinnerten an Überirdisches. „1983 (A Merman I Should Turn To Be)", „Spanish Catle Magie" oder „If Six Was Nine" bewegten sich im Irrealen, dessen Quintessenz schon in „I Don't Live Today" erschienen war. Solche Texte paßten natürlich vorzüglich zu Gitarrenklängen, die man vor Hendrix kaum gehört hatte. Nicht nur der Gebrauch des kontrollierten Feedbacks, von Fuzz-und Wah Wah-Effekten sowie etlichen Manipulationen auf dem Gitarrenhals machten Jimi's Spiele so aufregend, sondern auch seine Fähigkeit, diverse Stile zwischen Blues, Rock & Roll und Jazz kompetent zu zupfen.

Hendrix spielte „Blue Suede Shoes" ebenso brillant wie den Blues „Red House", mit Angejazztem befaßte er sich seit 1968 unter anderem in Sessions mit John McLaughlin, einem seinerzeit noch recht unbekannten Musiker. Damals erzählte Hendrix auch öfters von dem Plan, eine Big Band zu gründen, in der er nicht der alleinige Star sein wollte und mit der er verschiedenste Stilformen zu vereinen gedachte. Mit der technischen Wiedergabe seiner Musik hatte Hendrix laufend Schwierigkeiten. Live kam er trotz etlicher Versuche mit wechselnden Verstärkern und Lautsprechern nur gelegentlich zurecht: Die technische Entwicklung hinkte in den sechziger Jahren hinter Jimi's Ideen her. Auch im Studio zeigte er öfters Unzufriedenheit: Die Abmischungen zu der ziemlich hohl eingespielten „Are You Experienced?"-LP schienen ihm zu Recht ungenügend; spätere Verbesserungen, etwa stereophone Tricks auf „Electric Ladyland", reichten ihm ebenfalls nicht. Noel Redding und Mitch Mitchel berichteten von unzähligen Anweisungen, mit denen Hendrix seine Umgebung traktierte, um den ihm vorschwebenden Sound zu realisieren.

Konsequent richtete sich Jimi in New York nach seinen eigenen Vorstellungen das Electric Ladyland Studio ein, das jedoch zu seinen Lebzeiten nie voll zur Verfügung stand, weil die Geldmittel zur Ausstattung fehlten. Bei den Platten kann man im strengen Sinn nur von drei wesentlichen Hendrix-Alben sprechen: Das furiose „Are You Experienced?", das von einigen Fans wegen seiner Ungeschliffenheit bevorzugt wird und die Klassiker „Manie Depression", „Red House", „I Don't Live Today" und „Are You Experienced" enthält; weiter „Axis: Bold As Love", offensichtlich eine LP des Übergangs, die neben einigen Nullnummern wie „She's So Fine" (Komponist und Sänger: Noel Redding) und „Ain't No Telling" auch Juwelen in der Art des exemplarischen „If Six Was Nine" und „Bold As Love" serviert und daneben einen überraschend besinnlichen Hendrix mit „Castles Made Of Sand" und „Little Whig" bietet.

Schließlich, weithin als Nonplusultra angesehen, das Doppelalbum „Electric Ladyland", dessen Stilvielfalt ebenso auffällig ist wie sein Trickreichtum - zumal für 1968. Hier arbeitete Hendrix erstmals mit Sessionmusikern zusammen, die Redding und Mitchell unterstützten und bekannte Namen trugen: Steve Winwood, Chris Wood, Buddy Miles, Jack Cassidy oder AI Kooper. „Electric Ladyland" ist uneingeschränkt zu empfehlen. Bei den drei weiteren autorisierten LPs handelt es sich um den bereits erwähnten mäßigen Live-Mitschnitt „Band Of Gypsies", um die Zusammenstellung früher „Best Of-Songs mit dem Titel „Smash Hits" sowie um „The Cry Of Love", woran Juni bis zu seinem Tod arbeitete und worauf mit Steve Winwood, Chris Wood, Mitch Mitchell, Buddy Miles und Billy Cox wiederum mehr als drei Akteure wirkten. „The Cry Of Love" ist den drei wichtigen Hendrix-Alben fast gleichrangig und zeigt einen besinnlicheren, melodiöseren Jimi, der hier - kurz vor seinem Tod - offenbar erneute Kreativität und die dringend nötige Richtungsänderung andeutete. Am 17.9.1970 besuchte Jimi seine Freundin Monika Dannemann in deren Wohnung in Notting Hill/London. Er schien erschöpft und ratlos: Vieles deutete darauf hin, daß er in den Wochen zuvor nicht nur musikalisch dazugelernt hatte („The Cry Of Love"), sondern auch ernsthafte Konsequenzen aus geschäftlichen Missständen ziehen wollte. Doch er schien nur erschöpft wie jedermann, der hart gearbeitet hat. Bei Monika Dannemann verbrachte er den Abend bis etwa 2.00 Uhr, kehrte nach dem Besuch einiger Partner gegen 3.30 Uhr zurück und schlief am 18. September ein, als der Tag dämmerte.

Die Versuche, ihn morgens zu wecken, verliefen ergebnislos: Jimi hatte sich schon am Abend zuvor krank gefühlt und später einige Schlaftabletten genommen. Als der von Monika Dannemann gerufene Krankenwagen St. Mary Abbott's Hospital in Kensington gegen 11.45 Uhr erreichte, war Jimi tot. Durch unsachgemäße Lagerung durch das Krankenwagenpersonal war er am eigenen Erbrochenen erstickt- ein bedauernswerter Unfall, sicher nicht der erste seiner Art. Niemand hätte sich weitere Gedanken gemacht, wenn der Tote nicht Jimi Hendrix geheißen hätte. Manches wurde nach Jimi's Tod bekannt, vieles blieb indes unerklärlich. Einige zweifelhafte Machenschaften führten immer wieder zu Jimi's zweitem Manager Mike Jeffery hin, der 1972 bei einem Flugzeugabsturz umkam. Jeffery's Holding-Gesellschaft „Yameta" kontrollierte seit 1968 alle Platteneinkünfte und Gagen, die enorme Geldmassen einbrachten. Jimi erkannte später, daß Yameta eine faule Organisation war, deren Büros auf den Bermudas frei erfunden waren. Kaum zu glauben: Trotz immenser Gagen war offenbar nur wenig Geld vorhanden, etwa die Electric Ladyland Studios einzurichten.

Kaum zu glauben: Die Schätzungen über Jimi's Einnahmen belaufen sich auf über hundert Millionen Dollar in vier Jahren; er hinterließ aber nur ein paar Tausender. Jimi's musikalischer Nachlaß wurde nur von Bob Dylan schlicht, aber gebührend gewürdigt: Dylan spielt seit 1974 seine eigene Komposition „All Along The Watchtower" so, wie Hendrix sie interpretiert hatte. 1973 erschien ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Jimi Hendrix" von Joe Boyd, der den Gitarristen zwar ein wenig zu respektvoll, aber insgesamt richtig zeigt. Der entsprechende Soundtrack gehört zu den besten der posthum veröffentlichten Hendrix-Alben, von denen kein einziges unbeschränkt empfohlen werden kann. Außer den wenigen teilweise brauchbaren (und in der Discografie genannten) LPs überboten sich viele Plattenfinnen in der Veröffentlichung baren Schrotts. Jede von Hendrix gespielte Note, vor und nach der Experience-Zeit, wurde vermarktet; gewiß befanden sich manchmal Kostbarkeiten darunter, doch das definitive posthume Album kam bislang nicht heraus. Noch 1976 erschien eine Hendrix-Session mit Redding, Johnny Winter und Jim Morrison - unsinnig, weil alle Beteiligten bei den Aufnahmen total besoffen waren. Produzent Alan Douglas ging so weit, die Hendrix-Klänge von unzähligen Tonbändern solo herauszufiltern, dann von Studiomusikern passende Begleitungen aufzunehmen und dies dann als zusammengemixte Aufnahmen wieder unters Volk zu bringen (immerhin geriet „Crash Landing" ganz passabel).

Selbst bei Hendrix' Beerdigung am 1.10.70 in Seattle hackten sich die Geier: Alan Douglas versuchte, den von Mike Jeffery angestellten PR-Mann Mike Goldstein hinauswerfen zu lassen. Im Nachhinein erscheint Chas Chandler der einzige seriöse Geschäftsmann in Hendrix' Umgebung gewesen zu sein. Und trotzdem war Jimi keine tragische Figur. Fast alle großen Rockstars — die Beatles eingeschlossen - haben künstlerische, finanzielle und menschliche Probleme ähnlich erlebt, wenngleich es zutrifft, daß Hendrix wohl stärker als alle anderen betroffen war. Doch neben Managern, Produzenten, Anwälten und angeblichen Freunden wirkten noch andere an seinem Untergang mit: Die Fans. Eric Burdon sagte einmal: „Er starb, weil man seine Kreativität abgewürgt hatte." Das Publikum bejubelte kritiklos alles, was mit Jimi zusammenhing- selbst das Stimmen der Gitarre vor dem Konzert entfachte Beifall. Für einen wahrhaftigen Musiker der künstlerische Tod. Wozu sich auch Mühe geben, wozu Ansporn empfinden, wenn gute wie schlechte Soli in hemmungsloser Verehrung untergingen? „Wenn ihn nur jemals einer ausgebuht hätte, dann hätte er schon einige seiner Probleme gelöst und wäre zur vollen Wirklichkeit seiner Befähigung gekommen, "schrieb ganz zutreffend Nik Cohn. Wirklich gut befreundet war Jimi Hendrix mit seinen Roadies Gerry Stickells und Eric Barrett. Stickells hat immer betont, daß er laute Rockmusik nicht leiden könne...

Quelle: Wolfgang Bauduin "Musik Express" Nr. 273 vom Oktober 1978

DISCOGRAFIE: Berücksichtigt wurden die sechs autorisierten Hendrix-Alben sowie halbwegs empfehlenswerte posthume Veröffentlichungen; Platten unter Hendrix' Mitwirkung vor 1967 verdienen hier keine Erwähnung!

Are You Experienced? (1967) Polydor 2428 301
Axis: Bold As Love (1967) (Nur noch als Doppelalbum mit „Are You Experienced?" erhältlich) Polydor 2679 021
Smash Hits (1968) Polydor 184 138 (Imp.)
Electric Ladyland (1968) Polydor 2612 0021 DoLP
Band Of Gypsies (1970) Karussell 2435 606
The Cry Of Love (1970)
At Monterey Pop Festival '67(1970) (mit Otis Redding) off. vergriffen
Rainbow Bridge (Soundtrack, 1971) Reprise 54 004
At The lsle Of Wight (1971) Polydor 2302 016 (Imp.)
Hendrix In The West (1972) Polydor 2302 018 (Imp.)
War Heroes(1972) Polydor 2310 208
Jimi Hendrix Documentary (Soundtrack, 1973) Reprise 65 017 DoLP Polydor 2459337 Crash Landing (1975) Polydor 2302 398 (Imp.)

Anmerkung: Die Experieced existieren nicht mehr, Mitch Mitchell starb 2008, Noel Redding bereits 2003! Alle Beiträge diese Seite richten sich nach der jeweils gültigen Rechtschreibung.
Diese Seite ist Bestandteil von www.studio89.de © by Nedlog 2014

 Studio 89
powered by nedlog         Design by: Johannes Konze
Jimi Hendrix